Weihnachtswünsche aus dem Altenheim

So verschieden die Bräuche sind, die sich um das Weihnachtsfest herum gebildet haben, ein Brauch ist überall gleich: Weihnachten ist die Zeit, wo Menschen sich gegenseitig besuchen und Geschenke machen. Jedenfalls ist das meistens so. Als eine Angehörige in einem Jahr an Weihnachten ihren Bruder im Altenzentrum Am Nordpark besuchte, sah sie, dass manche Bewohner des Hauses niemanden hatten, der zu ihnen kam. Das tat ihr sehr leid. Sie war der Meinung, dass es in dem Haus einen Besuchsdienstkreis geben sollte, der Zeit für diese Menschen hat. Und der vielleicht jedem am Heiligen Abend ein kleines Weihnachtsgeschenk mitbringt. Darum war sie schnell bereit, bei den „Wunscherfüllern“ mitzumachen, als sie von dieser Vereinigung erfuhr.

Die Wunscherfüller sind eine private Initiative im Raum Wuppertal. Sie besteht aus ehrenamtlichen Helfern und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Senioren mit dem, was sie am dringendsten benötigen, zu unterstützen. Dazu zählt warme Kleidung für den Winter ebenso wie ein Möbelstück für den Wohnbereich. Manchmal werden auch ausgefallene Wünsche an die Wunscherfüller herangetragen. Ein Senior hatte als Herzenswunsch, einmal im Beiwagen eines Motorrad-Gespanns mitzufahren. Der Wunsch konnte ihm erfüllt werden. Im Altenzentrum am Nordpark wurden im vergangenen Jahr viele Sachwünsche erfüllt: Kalender, Parfüm, Hygieneartikel, Süßigkeiten, Zigaretten, Pullover. Ein Bewohner hat sich Bettwäsche von seinem Lieblings-Fußballverein gewünscht, dem BVB Borussia Dortmund.

Ich stelle mir einen Moment lang vor, dass es auch damals Wunscherfüller gegeben hat, zur Zeit Jesu. Und dass Wunscherfüller eines Tages zu Maria und Josef nach Bethlehem gegangen sind. Maria und Josef waren keine Senioren, aber Unterstützung konnten sie dennoch brauchen. Maria hatte gerade einen Jungen zur Welt gebracht, er hieß Jesus. Der Ort Bethlehem, in dem sie angekommen waren, hatte eine Herberge, aber die war voll. So blieb der jungen Familie nichts anderes übrig, als im Stall der Herberge zu übernachten. Maria wickelte ihr Kind in Windeln und legte es in eine Krippe. Sie sah sich in dem Stall um nach einem Schlafplatz für ihren Mann Josef und sich selbst. Die Nacht wird sicher kühl werden. Schön wäre es, wenn sie jetzt Decken oder Bettzeug hätten. Ob ihnen die Wunscherfüller, die hergekommen waren, den Wunsch erfüllen konnten?

Warum nicht, allerdings konnte es nur solches Bettzeug sein, das nicht die Aufschrift und die Farben des BVB Borussia Dortmund trägt. Den Fußballverein Borussia Dortmund hat es damals noch nicht gegeben. Dafür hat es vor 2000 Jahren etwas gegeben, das es heute nicht mehr gibt: Die Unmittelbarkeit der Gegenwart Jesu. Jesus war für die Menschen seiner Zeit unmittelbar gegenwärtig. Die Menschen konnten Jesus sehen, wenn er mit seinen Anhängern zu ihnen in ihre Dörfer kam. Sie konnten direkt mit ihm sprechen und ihm sagen, was ihnen auf dem Herzen lag. Sie konnten Jesus hören, wenn er vor ihnen stand und von Gott und dem Himmelreich predigte. Und schließlich konnten sie es spüren, wenn Jesus sie mit seinen Händen berührte und von ihren Leiden befreite und heilte.

Die Zeit, in der Menschen Jesus direkt erleben konnten, ist unwiederbringlich vorbei. Aber auch wenn er nicht mehr unmittelbar gegenwärtig ist, ist Jesus heute da, nur anders, nämlich verborgen. Jesu Gegenwart in unserer Zeit ist eine verborgene Gegenwart. Der Ort, an dem der verborgene Christus für uns erfahrbar wird, ist der Glaube. Der Glaube an Jesus Christus umfängt und schützt uns und so wie die Fan-Bettwäsche des BVB Borussia Dortmund ist der Glaube zeichenhaft. Seine Zeichen verweisen auf den, der als ganz kleines Kind von seiner Mutter in eine Krippe gelegt wurde. Und dessen Geburt wenige Tage zuvor auch in diesem Jahr an Weihnachten wieder gefeiert wird. Das ist jedenfalls der Herzenswunsch vieler Menschen im Altenzentrum Am Nordpark. Und an unzähligen anderen Orten auf dieser Welt.

Iris Fabian, Pastorin der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal