Frau Federmann, 2009 haben die Vereinten Nationen den Welttag der sozialen Gerechtigkeit ausgerufen. Warum braucht es überhaupt so einen Tag?
Dr. Sabine Federmann: Dieser Tag lenkt die Aufmerksamkeit auf soziale Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und dass es wichtig ist, sich damit zu beschäftigen. In Deutschland prägt die soziale Herkunft immer noch stark die Bildungschancen und damit hängt auch die Verteilung von Vermögen und Einkommen und das Armutsrisiko zusammen. Die sozialen Unterschiede sind deutlich größer geworden, wie der aktuelle Verteilungsbericht der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt.
In Deutschland führen wir gerade eine heftige Debatte, ob wir uns den Sozialstaat noch leisten können. Wie sozial gerecht wird diese Debatte Ihrer Ansicht nach geführt?
Dr. Sabine Federmann: An vielen Stellen werden Spitzen gesetzt, die Menschen einfach unrecht tun wie in der Lifestyledebatte um die Teilzeitarbeit. Klar ist aber, dass wir in Deutschland eine alternde Gesellschaft haben und Reformen dringend nötig sind. Wir müssen grundsätzlich darüber reden, was unser Sozialstaat für wen leisten kann und soll. Dabei sollten wir auch überlegen, wie wir die Einnahmeseite stärken können, indem wir die Wirtschaft fördern und Steuern gerechter verteilen.
Um den Verzicht auf manche bisherige staatliche Leistung werden wir wohl nicht herumkommen, aber dabei dürfen wir nicht an die Substanz gehen. Es wäre fatal, wenn Patient:innen die Kosten für den Zahnarztbesuch komplett selbst zahlen müssten und das Gebiss wieder zum Gradmesser für Wohlstand wird, wie es in früheren Zeiten war.
Sie haben schon häufiger vor einem Abbau des Sozialstaates gewarnt, der soziale Ungerechtigkeit verschärft. Wo beobachten Sie das?
Dr. Sabine Federmann: Viele unserer Beratungsleistungen – von der Schuldner- bis zur Migrationsberatung – erhalten schon seit Jahren immer weniger Fördermittel. Dabei helfen sie den Menschen ganz konkret, ein selbstständiges Leben zu führen und nicht mehr von staatlichen Leistungen abhängig zu sein. Im Bereich der Pflege sind Angebote zwar nicht gekürzt, aber auch nicht ausgebaut worden, was angesichts der starken Zunahme an pflegebedürftigen alten Menschen dringend notwendig wäre.
Und für alle sichtbar ist der große Anstieg der Wohnungslosigkeit. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der obdachosen Menschen in Wuppertal verdoppelt. Wir haben inzwischen rund 100 Menschen, die dauerhaft auf der Straße leben. Dazu kommen viele Hunderte, die notdürftig irgendwo Unterschlupf finden.
Wie sieht es bei Kindern und Jugendlichen aus?
Dr. Sabine Federmann: In Wuppertal erlebe ich ein großes Bewusstsein der Verantwortlichen, wie wichtig Prävention ist. Es gibt gute Konzepte und viel Engagement, um Familien zu stärken und sozial benachteiligten Kindern Chancen zu eröffnen. Allerdings sind wir eine arme Stadt. Es ist eine echte Herausforderung, die guten Ideen mit wenig Geld umzusetzen. Aber wenn wir es ernst meinen, dass Kinder unsere Zukunft sind, müssen wir hier anzusetzen, wenn wir Wohlstand und Demokratie erhalten wollen.
Welche Folgen hat soziale Ungleichheit für den Frieden und die Demokratie in unserer Gesellschaft?
Dr. Sabine Federmann: Wir hatten in Deutschland über Jahrzehnte eine starke gesellschaftliche Mitte und viele Menschen, die sich zugehörig und verantwortlich für unsere Demokratie und Werte gefühlt haben. Ich sehe mit großer Sorge, dass diese Mitte kleiner wird und sich immer mehr Menschen abgehängt und nicht dazugehörig fühlen. Das gefährdet das unseren sozialen Zusammenhalt. Soziale Gerechtigkeit ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für den Frieden in unserer Gesellschaft.
Die Diakonie leistet einen wertvollen Beitrag, soziale Defizite auszugleichen und Teilhabe zu ermöglichen. Wo wir Menschen in ihrem Selbstwertgefühl stärken, damit sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen und Nachbarschaft mitgestalten, stärken wir auch die Demokratie.
Das Gespräch führte Sabine Damaschke.
Soziale Ungleichheit in Deutschland
Immer mehr Menschen in Deutschland rutschen aus der unteren Mittelschicht in die Armut ab. Das zeigt der aktuelle Verteilungsbericht der Hans-Böckler-Stiftung. Danach ist der Anteil der Haushalte, die in Armut leben, auf 17,7 Prozent gestiegen. 2010 waren es noch 14,4 Prozent. Der Gini-Koeffizient, das wichtigste Maß für Einkommensungleichheit, erreichte mit 0,310 einen neuen Höchststand – so hoch wie noch nie seit Beginn der Erhebungen 1984.