„Wie lange noch?“

Digitale Andacht mit Pastorin Iris Fabian. Die Reihe unserer Online-Andachten gibt Halt und Mut in dieser schweren Zeit der Corona-Pandemie.

Wie lange noch? Das Gewicht dieser Frage ist mir zum ersten Mal so richtig bewusstgeworden, als wir in einem Jahr auf dem Weg in die Sommerferien waren. Meine Eltern, meine beiden Geschwister und ich. Wir saßen im Auto, es war warm und die Kilometer auf der Autobahn zogen sich hin wie Kaugummi. Wie lange noch? Die Eltern wiederholten uns geduldig, dass es nicht mehr weit ist und dass wir bald eine Pause einlegen werden. Die Pausen an den Autobahnraststätten waren nach meinem Empfinden immer viel zu kurz. Ich hätte gern noch ein bisschen bei den Zeitschriften in dem Tankstellenshop gestöbert, aber dafür war keine Zeit. Es ging weiter. Mein Bruder war während der Fahrt mit seinem Autoquartett beschäftigt und ordnete die Spielkarten nach Automarke, Baujahr, Hubraum und PS. Meine Schwester und ich schauten aus dem Wagenfenster und vertrieben uns die Zeit mit Autonummernschilder-Raten. Welche Stadt mag sich wohl hinter den Buchstaben OG verbergen? Über allem schwebte unausgesprochen die Frage: Wie lange noch?

Wie lange noch? Diese Frage ist mir in den vergangenen Wochen häufiger begegnet. Unsere Senioren stellen sie uns im Altenheim: Wie lange dauert es noch, bis alles wieder normal ist? Wie lange dauert es noch, bis ich meine Kinder wieder umarmen kann? Wie lange dauert es noch, bis ich wieder zum Friedhof gehen kann? Aber es sind nicht nur die Senioren, denen die momentane Ausnahmesituation zu schaffen macht. Wir als Mitarbeiter der Altenheime wüssten gern, wie lange wir im Dienst noch Schutzmasken tragen müssen. Das ständige Tragen einer Atemschutzmaske ist unangenehm. Es verursacht Kopfschmerzen, macht müde und erschwert das körperliche Arbeiten. Manche Mitarbeiter müssen zudem Schutzkittel anlegen, unter denen es schnell warm wird. Gerade bei den sommerlichen Temperaturen jetzt ist das für viele belastend. Schließlich gibt es noch die Angehörigen. Sie möchten wissen, wie lange noch bei Besuchen nach diesem Schema verfahren wird: Telefonische Kontaktaufnahme für einen Besuchstermin, Ausfüllen eines Kurzfragebogens, Desinfektion der Hände, Anlegen einer Atemschutzmaske für Besuche im Haus, Mindestabstand zur besuchten Person und zeitliche Begrenzung des Besuchs in einem abgetrennten Besucherraum.

Wie lange noch? Bewohnern, die mich fragen, antworte ich: Ich weiß nicht, wie lange sie mit den gegebenen Einschränkungen noch leben müssen. Ich weiß auch nicht, wann sich die Situation für die Angehörigen, Besucher und uns Mitarbeiter wieder normalisieren wird. Ich glaube, es wird auf einmal vorbei sein. Genauso wie der religiöse Zweifel auf einmal vorbei ist. Wann das geschehen ist, wann genau der Zweifel an der Existenz Gottes dem Glauben an den lebendigen Gott gewichen ist, lässt sich im Nachhinein nicht immer mit Bestimmtheit sagen. War es ein bestimmter Gottesdienst, eine Andacht oder eine Liedzeile im Gesangbuch, wo wir das befreiende Wort gehört haben? In jedem Fall werden nach dem Ereignis die Karten in unserem Leben noch einmal neu gemischt und sortiert. Jesus nimmt alles Belastende und Schwere von uns, das uns behindert wie eine Maske vor dem Gesicht. Sein Heiliger Geist, der uns umgibt, wirkt wie ein Schutzmantel gegen alles Böse. Nicht zuletzt kehrt mit dem Glauben an Jesus Christus Freude in unser Leben ein, unbeschwerte kindliche Freude. In etwa so, wie ich sie auf unserer Urlaubsfahrt in den Süden bei meinem Bruder gesehen habe, als er Autoquartett gespielt hat. Da war er selig und mit sich und der Welt im Reinen.

Amen

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen und bleiben Sie gesund!
Ihre Iris Fabian, Pastorin der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal

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