Wenn in Familien „Rosenkrieg“ herrscht

"In vielen Familien ist Hochstrittigkeit zur Normalität geworden": Magret Stobbe, Leitung, Ev. Beratungsstelle, berichtet von ihrer Arbeit in der Trennungs- und Scheidungsberatung.

„Suche den Frieden und jage ihm nach“ Psalm 34, 15
Die Jahreslosung 2019 – Ein Widerspruch in sich oder der Alltag einer Beratungsstelle?

Als ich die Jahreslosung das erste Mal hörte, dachte ich spontan „Das passt doch gar nicht zueinander“. Frieden – dazu fallen mir Assoziationen ein wie: kein Krieg, respektvolles Miteinander, Besinnung und Ruhe, Gewaltlosigkeit, angstfreies Leben. Dem gegenüber steht „jage ihm nach“ – also die Aufforderung zu einem aktiven Handeln, zu dem mir Begriffe einfallen wie: Hetze, Eile, Hetzjagd, jemanden treiben und fangen, möglicherweise auch jemanden verletzen oder töten, aber auch mit Schnelligkeit und Ausdauer professionell ein Ziel verfolgen.

Wenn ich Menschen, die zu uns in die Beratung kommen, frage „Was ist Ihr übergeordnetes Ziel?“, so können sich sicherlich nahezu alle wiederfinden in der Aussage „Ich möchte Frieden finden.“ Konkret bedeutet dies, je nach dem Anliegen der Ratsuchenden: Ich möchte (wieder) lernen, in meiner Beziehung friedvoll und liebevoll mit meinem Partner / meiner Partnerin umzugehen.

Ich möchte in meinem Familienleben mehr Harmonie erleben, ich möchte mich weniger mit den Kindern streiten und vermeiden, dass ich aggressiv werde oder mir die Hand ausrutscht. Ich möchte, dass mein Kind in der Schule gut zurechtkommt und Freunde hat, nicht gemobbt wird.

In der Trennungs- und Scheidungsberatung ist Hochstrittigkeit in vielen Familien zur Normalität geworden. Auch Drohungen wie „Ich mach dich fertig“ sind keine Seltenheit. Der „Rosenkrieg“ ist hier zum gängigen Begriff geworden.

Nicht selten formulieren die hier betroffenen Eltern tatsächlich den Wunsch, „Ich möchte wieder im Frieden leben“. Sie beschreiben ihren Alltag mit vielen Sorgen und Ängsten: „Ich habe Angst, die Kinder zu verlieren. Ich erhalte keinen Unterhalt und weiß nicht, wie ich über die Runden kommen soll. Ich werde ständig kontrolliert und fühle mich inzwischen unfähig, spontan etwas zu entscheiden.

Ich traue mich nicht mehr ans Telefon zu gehen, weil ständig neue Forderungen an mich heran getragen werden. Ich mag nicht mehr in den Briefkasten schauen, weil ich häufig Rechtsanwaltsschreiben vorfinde, die mich unter Druck setzen. Was da manchmal steht kann ich aber auch nicht unbeantwortet stehen lassen. Da muss ich zum Gegenschlag ausholen“.

Aus Sicht der Kinder hören wir: „Ich fühle mich zerrissen zwischen Mama und Papa. Wenn ich bei Mama bin, ist Papa traurig. Und wenn ich bei Papa bin, ist Mama traurig. Am besten teile ich mich auf, oder: wenn es mich nicht gäbe, hätten Mama und Papa keinen Streit.“

Häusliche Gewalt, Polizeieinsätze und Näherungsverbote, die gegenüber einem Elternteil von der Polizei oder dem Gericht ausgesprochen werden, machen deutlich, wie entfernt der Friede in manchen Familien ist.

Viele unserer Familien haben Fluchterfahrungen oder stammen aus Ländern, in denen sie Kriegserlebnisse gesammelt haben. Geprägt durch diese Lebenserfahrungen suchen sie in einem für sie fremdem Land mit anderen Werten, mit anderen gesellschaftlichen Strukturen, mit häufig mangelnden Sprachkenntnissen für sich und ihre Familien ihren Frieden.

Dabei erleben Sie, dass ganz andere Erwartungen an sie gestellt werden, als es bisher der Fall war. Die Abwesenheit von Krieg reicht hier bei weitem nicht aus, um Frieden zu finden.

Gemeinsam ist allen Personenkreisen, dass jeder für sich auch seinen „inneren Frieden“ sucht. Dies als Voraussetzung, um zufriedenes Leben führen zu können.
Bei der Suche nach Frieden im Beratungskontext, auch bei meinem persönlichen Frieden, erlebe ich häufig Hinderungsgründe, die es zu erkennen gilt und die der eigenen Auseinandersetzung bedürfen.

Einige hiervon sind z.B.: Welche Gefühle lösen die jeweiligen Situationen bei mir aus? Bin ich verängstigt oder verärgert, weil mein Kopfkino schon in Gedanken an die Situation oder an mein Gegenüber fantasievolle Dramen produziert ohne dass ich sie jemals konkret überprüft hätte?

Kenne ich meine eigenen Bedürfnisse und auch die der anderen? Bin ich bereit, mich damit auseinanderzusetzen und alles nebeneinander wert zu schätzen? Erlebe ich Unterschiede in der Lebenshaltung als Bedrohung oder als Bereicherung?

Dies sind nur einige Aspekte, die auch im Beratungskontext immer wieder Thema werden. Die Frage bleibt: Was heißt in dem Zusammenhang die Aufforderung „und jage ihm nach“? Hier fällt mir als erstes die Arbeit der Trennungs- und Scheidungsberatung ein. Es gibt ein sogenanntes Beschleunigungsverfahren, d.h. Termine in Sorge- und Umgangsverfahren werden bei Gericht sehr kurzfristig terminiert.

Die Berater „jagen“ in der Tat zu Gerichtsterminen, häufig bleibt nicht genug Zeit, die Eltern und ihre Kinder im Vorfeld ausreichend kennenzulernen. Gleichzeitig hat der Gerichtstermin das Ziel, zeitnah erste Lösungen zu erarbeiten, einen Rahmen zu setzen, um durch diesen wieder Frieden in die Familien zu bringen. Also auch Hetze und Jagd können an dieser Stelle hilfreich sein.

Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, welche Auswirkungen die Jagd für Jäger und Gejagte hat, wenn es sich um eine Hetzjagd handelt. Übertragen auf den Beratungskontext sehe ich die Gefahr von hoher Belastung, Dauerstress und das Fehlen von Innehalten, was für eine Reflektion und Frieden finden zwingend erforderlich ist.

Damit die Jagd nicht zum Selbstzweck wird, braucht es die Ruhe zum Annehmen, zum Stabilisieren, um Kraft zu sammeln, um sich dann neu ausrichten zu können.

Wenn wir Jagen aber verstehen, in dem Sinne, dass ein Ziel konsequent verfolgt und nicht aus den Augen verloren wird, im Rahmen der Jagd die Ratsuchenden wie auch die Berater quasi wie ein Fährtenleser auf Spurensuche gehen, sich heranpirschen, gut beobachten, den richtigen Moment abwarten, dann ist die Jagd sicherlich eine geeignete Möglichkeit, um mit den Ratsuchenden hilfreiche Schritte zu erarbeiten.

Meines Erachtens ist dabei wichtig, Jagd zu verstehen als aktive Aufgabe, die viel Aufmerksamkeit verlangt, Innehalten und Anhalten, da wo es erforderlich erscheint. Der Frieden an sich, muss Bestandteil der Jagd sein und Grundprinzip des Jägers (des Beraters).

Die Jahreslosung 2019 kann somit auch als Motto der Beratungsarbeit verstanden werden: „Suche den Frieden und jage ihm nach.“

Magret Stobbe, Leitung, Ev. Beratungsstelle