„Meinen Segen hast Du“

Digitale Andacht mit Pfarrer Johannes Nattland. Die Reihe unserer Online-Andachten gibt Halt und Mut in dieser schweren Zeit der Corona-Pandemie.

„Meinen Segen hast Du“ – mit diesem schon etwas in die Jahre gekommenen Ausspruch möchte ich diese Andacht beginnen. Irgendwie scheint dieser Satz aus der Mode gekommen zu sein. Warum eigentlich? Er klingt nach „früher“. Wann wurde dieser Satz gesagt? Etwa, als eine Tochter ihren Entschluss zu einer Partnerschaft den Eltern gesagt hatte. Oder wenn ein Sohn seinen Entschluss für einen bestimmten Beruf den Eltern kundtat – dann konnte dieser Satz von einem Elternteil gesagt werden: Meinen Segen hast. Und ebenso: Dazu gebe ich dir nicht meinen Segen.

Woran liegt es, dass dieser Satz aus der Mode gekommen ist? Ist es uns nicht mehr am Segen gelegen? Die Kommunikation zwischen Eltern und ihren Kindern läuft heute sicher auch anders ab, aber es gibt ja immer noch die Diskussionen über Berufswahl, Wahl der Ausbildung, des Studiums oder über ein Jahr im Ausland. Aber diese Gespräche kommen ohne die Begrifflichkeit des Segens aus.

Liegt es am Segen? Hat sich unsere Einstellung zum Segen verändert? Weg aus unserem Alltag in die Ferne einer schwer zu beschreibenden Gottesbeziehung – wenn wir denn überhaupt noch von einer Gottesbeziehung sprechen können?

Was assoziieren wir mit Segen? Welche Bilder haben wir im Kopf? Ein Bild des Einfüllens, Segen als Kraft, als Zuspruch. Segen als ein Gut-Zureden, wie es das griechische Wort eulogein nahelegt. Gut sprechen, wohl sprechen. Aber das tun wir heute eher ohne den Begriff des Segens.

Der Segen am Sterbebett fällt uns ein. Dass wir Pfarrer dazu gerufen werden, kommt ab und an mal vor. Ist der Segen für heute wohl eher auf Lebensumbrüche reduziert? Segen bei der Taufe, bei der Konfirmation, bei der Trauung und bei Tod und Abschied.

Und die biblischen Geschichten, die uns dazu vielleicht einfallen, verstärken das. Es sind Geschichten von Leben und Tod.

Da kämpft etwa einer mit Namen Jakob mit einer zunächst unbekannten Macht. Eine seltsame und schwere Geschichte. Am Schluss fordert Jakob: Ich lasse dich nicht, Du segnest mich denn. In heutiger Sprache: ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Und dann segnet dieser unbekannte Jemand Jakob – und danach kann sich Jakob mit seinem Bruder Esau versöhnen – erst dann, als Gesegneter. Der Segen hat etwas wieder in Fluss gebracht – der Segen war der Auftakt zur Heilung einer zerstörten Beziehung.

Der Segen durchzieht die ganze Bibel – Die letzten Worte der Bibel, die letzten Worte der Offenbarung des Johannes lauten: Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen! Die Bibel endet mit einem Segen.

Im Segen kommt uns das Göttliche ganz nahe. Das ist vielleicht der Grund für unsere Hemmung, selbst einen Segen auszusprechen, wenn nicht deutlich ist, dass wir hier nur die Mittler sind. Aber wir selbst heute als Mittler trauen uns kaum noch einen Segensspruch im Alltag zu.

Nur ganz selten noch schleicht sich der Segen in unseren Alltag – dann, wenn wir etwa sagen: Du bist ein Segen – ein Segen, dass Du kommst. Oder: Was für ein Segen, dass es regnet – wenn wochenlang Trockenheit geherrscht hat.

Der Segen bringt die dritte Dimension in unser Leben. Neben oder über dem Du und dem Ich steht die göttliche Macht. Der Segen macht aus der linearen Bewegung zwischen dem Ich und dem Du einen Raum – der Segen schafft eine ganze Welt. „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie …“ Die Menschheitsgeschichte beginnt mit einem Segen –und schafft so Raum und Zeit, Freiheit von Natur und Geschöpf.

Darauf liegt Segen – und es gibt demzufolge auch Zeiten ohne Segen, Umstände, auf denen kein Segen liegt, wo also Raum und Zeit, die Freiheit von Geschöpf und Natur mit Füßen getreten wird. Da, wo Menschen anderen Menschen diese Freiheit verweigern, absprechen, wo Menschen anderen Menschen - oder der Natur, die auch ihr Eigenleben hat - Raum und Zeit verwehren. Da, wo Menschen ihre Freiheit, ihre Würde oder gar ihr Leben verlieren. Da, wo Menschen andere missbrauchen für ihre Zwecke, wo Egoismus und Eigennutz herrscht. Unser Alltag ist voll davon.

Ich wage die These: überall da, wo Menschen in die Eindimensionalität geraten, wo sie nur sich sehen und weder den anderen noch eine Kraft jenseits von uns Menschen, da zieht Unfriede ein, Unfreiheit, Unterdrückung, da findet Hass und Zerstörung seinen Nährboden.

Der Segen Gottes, diese gut sprechende Bewegung auf uns zu und von uns wieder weg – das bewahrt vor dieser Eindimensionalität. Segen schafft Raum und Zeit, ist also Bewegung und daher immer eine Bewegung zwischen drei Polen. Gottes Segen erreicht einen Menschen und dieser kann gar nicht anders als diesen Segen weitergeben. „Meinen Segen hast du“ – das klingt so schlicht und einfach – ist aber doch lebensspendendes Wort. „Meinen Segen“? – es ist Gottes Segen, der uns getroffen hat und den wir weitergeben dürfen und müssen.

Segen ist heute vielleicht etwas aus der Übung und Mode gekommen – manche der Gründe mögen benannt worden sein. Aber irgendwie ist deutlich, dass Segen nicht alltäglich ist und dass Segen und segnen wieder eingeübt werden sollte.

Welche Wortwahl Sie auch immer treffen mögen, wenn Sie segnen – steigen Sie ein in die Bewegung, die der Segen uns eröffnet. Die Bewegung in Zeit und Raum, die Bewegung hin zum anderen und hin zu Gott. Freuen Sie sich am Segen des anderen, spüren Sie die Weite, die Segen eröffnet – gesegnet Ihr alle! Amen.

Wuppertal, 10. Juli 2020       
Pfarrer Johannes Nattland

Pfarrer Johannes Nattland ist tätig in der Ev. Kirchengemeinde Elberfeld-West und in der CityKirche.