Gemeinsam Leben: Wenn eine ganze Kita mit den Händen spricht

Lasse ist von Geburt an gehörlos. Dank des Engagements der Evangelischen Tageseinrichtung für Kinder an der Sonnborner Kirchhofstraße besucht der Zweieinhalbjährige die gleiche Kita wie seine große Schwester. Das Kita-Team und die Kinder haben Gebärdensprache gelernt. Ein Beispiel von gelebter Inklusion.

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Immer dienstags steht in der Kita Kirchhofstraße Gebärdensprache auf dem Programm. Dann setzt sich Barbara, eine Lehrerin für Gebärdensprache, zu den Kindern auf den Boden, spielt mit ihnen und lässt ihre Hände dazu sprechen. Mal zeigt sie den Kindern die Tiernamen, mal geht es um den Apfel, der gerade gegessen wird. »Sie greift einfach die Themen der Kinder auf und sie lernen die entsprechenden Symbole spielerisch nebenbei«, erklärt Einrichtungsleiterin Diana Gerhardt. Alle zwei Wochen kommt Barbara auch nachmittags – dann bringt sie dem Kindergartenteam die Gebärdensprache bei. »Wir machen das in unserer Freizeit. Alle machen mit. Manchmal kommt auch jemand von der Gemeinde dazu«, sagt die Erzieherin. 

Die Gebärdensprache gehört ohnehin zum Alltag der Evangelischen Tageseinrichtung für Kinder: Im Morgenkreis wird gebärdet. In jedem Raum hängt eine Tafel mit dem Fingeralphabet, und es gibt spezielle Spiele wie ein Memory mit Bildern und dem passenden Symbol dazu. Außerdem hat sich jedes Kind einen eigenen Gebärdennamen ausgesucht. »Die Kinder gehen selbstverständlich damit um. Sie machen viele Gebärden automatisch mit«, sagt Gerhardt. »Wenn wir Kontakt zu Lasse aufnehmen möchten, stupsen wir ihn einfach an.« Und zur Not ist ja immer noch Lasses große Schwester da und kann helfen. Regelmäßig kommt eine Inklusionsassistentin in den Kindergarten und kümmert sich um Lasse. »Lasse kann sich gut verständlich machen. Er ist voll in die Gruppe integriert«, sagt Gerhardt.

»Nach der Diagnose waren Lasses Eltern natürlich völlig verzweifelt«, erinnert sie sich. »Wir wollten alle, dass Lasse die gleiche Kita besuchen kann wie seine Geschwister.« Kurzerhand setzte sich die Einrichtungsleitung mit dem Gerricus Kindergarten für Gehörgeschädigte in Düsseldorf in Verbindung. Nach entsprechender Beratung durch den Verein »Gib Zeit« startete das Kindergartenteam die Testphase: »Wir wollten es einfach versuchen, wussten aber natürlich nicht, ob es klappt«. Später fand dann eine Hospitation in einer spezialisierten Einrichtung statt.

Was als »Experiment« begann, hat sich mittlerweile so gut entwickelt, dass die Kita Kirchhofstraße ab Sommer drei weitere gehörgeschädigte Kinder sowie Kinder von gehörlosen Eltern aufnimmt. »Das hat sich rumgesprochen und die Familien kommen aus ganz Wuppertal«, sagt Diana Gerhardt stolz. Ohne die Einrichtung an der Kirchhofstraße müssten die betroffenen Kinder den weiten Weg nach Düsseldorf- Gerresheim in Kauf nehmen. Einziger Wermutstropfen: Es gibt keine zusätzlichen Mittel für den Gebärdenunterricht und auch spezielle Materialien muss der Kindergarten in Eigenregie finanzieren. Zum Glück ist die Solidarität groß: Neben dem Kindergartenteam und den Eltern zieht auch die Gemeinde mit: »Die Gemeinde ist toll. Wir machen sehr viel zusammen. Und die helfen uns, wo sie nur können. Sogar die Konfis sind bei den Benefizveranstaltungen dabei. Alle helfen mit, um uns zu unterstützen«, sagt Gerhardt. Trotzdem sei es manchmal mühsam, sich nebenbei auch noch um die regelmäßigen Spendenveranstaltungen kümmern zu müssen. Dennoch lautet ihr Fazit: »Inklusion muss gar nicht so kompliziert sein. Manchmal muss man es einfach selbst in die Hand nehmen und sich trauen. Und die Kinder haben ohnehin viel weniger Hemmungen als wir Erwachsene.«

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text: nikola dünow/ör-mg

Es ist nicht selbstverständlich, was das Team der Kita Kirchhofstraße und die Kinder für Lasse geleistet haben. Dank des tollen Engagements besucht der Zweieinhalbjährige die gleiche Kita wie seine große Schwester. Alle Beiträge aus der lokalen und überregionalen Presse finden Sie hier.