"Christen ohne Christus gibt’s nicht"

Karl-Barth-Jahr: Im Interview spricht der Synodalassessor Pfarrer Dr. Jochen Denker über Faszination und Aktualität der Theologie von Karl Barth.

Herr Denker, Ihre Doktorarbeit widmete sich Karl Barth und Sie sagen von sich, dass Sie die Theologie Barths seit ihrer ersten Begegnung im 2. Semester an der Kirchlichen Hochschule nicht mehr losgelassen hat. Was fasziniert Sie so an Karl Barth?
Jochen Denker: Karl Barth fasziniert mich, weil er die Theologie vom Kopf auf die Füße gestellt hat. Oder anders gesagt: Er hat es gewagt, wieder zuerst von Jesus Christus zu reden, in dem Gott sich den Menschen offenbart.

"Gott zeigt uns ins Jesus sein Herz"
Darauf, dass Gott uns in Jesus sein Herz zeigt, seinen Willen kundtut und den Weg zeigt, auf dem er zu uns Menschen kommen will, kommt man nicht von selbst. Das muss man sich sagen lassen – von der Bibel als dem Zeugnis von Gottes Offenbarung.

Die Bibel ist kein Buch der rechten Menschengedanken über Gott, sondern es ist das Buch, aus dem ich von Gottes Gedanken über den Menschen erfahre. Damit fängt für Barth alles an, und mit diesem Anfang sollen wir immer wieder anfangen.

Jesus Christus als Kriterium aller Theologie
Barth hat mich gelehrt, dass Jesus Christus das Kriterium aller Theologie und allen biblisch begründeten Glaubens ist, und dass dieser Jesus Christus lebendig ist und nicht einfach zu einem Adjektiv verkommen darf, das man den eigenen Gedanken und Zielen beilegt.

Was soll ein „christliches“ Abendland, eine „christliche“ Partei, eine „christliche“ Kirche, oder „christliche“ Religion denn sein, wenn sie nicht vorbehaltlos damit Ernst macht, dass Jesus Christus selber als lebendiger Herr das Sagen hat, ihre Hoffnung ist und ihr Richter?

"Jesus ist unser lebendiger Herr"
Wenn wir von Jesus Christus reden, dürfen wir nie vergessen, dass wir nicht über einen „toten Gegenstand“ sprechen, sondern über unseren lebendigen Herrn!

Vielleicht scheuen wir darum in der Kirche manchmal das offene Bekenntnis zu Christus und reden lieber über „christliche Werte“, oder christliches Menschenbild“. Dann können wir trefflich darüber streiten, was das denn nun konkret meint.

"An Christus hängt unsere Identität"
An Barth fasziniert mich, dass er klar sagt: Christen ohne Christus gibt’s nicht. An ihm hängt unsere Identität. Wenn wir meinen, ohne ihn gesellschaftlich oder politisch „relevanter“ sein zu können, verraten wir ihn und uns selbst. Ich fürchte, das tun wir oft. Wir verschweigen ihn, weil uns das „zu fromm“ klingt und „nicht kommunikabel“ oder weil es angeblich ja eh niemanden interessiert...

Ich sehe aber nicht, dass die „Christusvergessenheit“ der Kirche der letzten 40 Jahre die „Relevanz“ der Kirche gesteigert hätte. Ich sehe aber, dass sie die Identität der Kirche massiv geschädigt hat. Von Jesus und dem, was er für uns tat und uns bedeutet, können wir in unseren Gemeinden nur noch sehr begrenzt überhaupt Auskunft geben.

Der junge Barth mit 30 Jahren. Foto: © Karl Barth-Archiv - 04 KBA_1710_432

Was bedeutet das für Ihre Arbeit als Pfarrer?
Jochen Denker: Karl Barth hat Theologie immer als Dienst an der Gemeinde verstanden. Theologie ist eine Wissenschaft, für mich die umfassendste und fröhlichste, weil sie neben ihrer intensiven Beschäftigung mit der Bibel zwangsläufig mit allen anderen Wissenschaften in Kontakt kommt. Sie gehört darum auch an die Universität oder eine Hochschule.

Gemeinde als Ort der Bewährung
Aber ihr eigentlicher Ort und der Ort ihrer Bewährung ist die Gemeinde. Die wirklichen Fragen der Theologie stellen sich mitten im Leben. Im Konfirmandenunterricht, am Sterbebett, beim Ringen einer Gemeinde um das rechte Wort und rechte Tun zur rechten Zeit.

Theologie mitten im Leben
Sie stellen sich mir, wenn ich einen Bibeltext lese und höre und dazu öffentlich predigen soll oder in der Seelsorge, in der jemand Lebenshilfe sucht und die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass der Glaube dabei eine Rolle spielen könnte.

Was ich dabei im Studium gelernt habe, die Redlichkeit, mit der der Glaube den Verstand befragt und der Verstand den Glauben um ehrliche Antwort bittet, hilft mir persönlich dabei sehr.

Inwiefern ist Karl Barth heute aktuell?
Jochen Denker: Aktuell ist für mich insbesondere, dass Barth anders von „Freiheit“ redet, als wir das heute in der Regel tun. Die „Freiheit“, von der wir als Christenmenschen reden sollen, besteht in einer „Bindung“, in der Bindung an Jesus Christus. Sie hat etwas mit „Hören“ und darum auch mit „Gehorsam“ zu tun.

„Freiheit“ ohne diese Bindung steht immer in der Gefahr, zur Beliebigkeit zu werden, die Menschen zu „individualisieren“ und gerade dadurch auch zu entsolidarisieren. Wir sprechen dann immer von unserer „persönlichen Freiheit“ und meinen, wir könnten tun uns lassen, was wir wollen. Wir haben gar nicht mehr im Blick, dass wir gerade auch dann noch zutiefst geknechtete Menschen sein können.

Wer hat die Macht über mein Leben?
Ich stelle mir immer die Frage: „Was oder wer hat Macht über mein Leben?“ Und dann merke ich, dass ich nun wahrlich nicht „frei“ bin. Bewusst oder unbewusst geben andere mir vor, was ich zu tun und zu lassen habe, was „in“ ist, „chic“ und „cool“. Unsere Welt ist doch voll von „Geistern“, die wir riefen und nicht mehr loswerden und die unser Leben bestimmen.

Das könnten wir jetzt durchbuchstabieren: Über die wirtschaftlichen Verflechtungen, in denen wir leben, die Werbung, die „Influencer“ im Netz, den Zeitgeist, den Populismus, das Menschenbild, das in einer Leistungsgesellschaft konsequent von den Kitas bis an die Unis und Werkbänke antrainiert wird……

Als freie Entscheidung da „Ja“ zu Jesus Christus zu sagen und ihm Macht über mein Leben zu geben, seinem Wort „gehorsam“ zu sein, weil mich seine Liebe und sein Sterben für mich überzeugt, dass er mein Vertrauen „verdient“ hat, halte ich für brandaktuell und für eine echte Befreiung!

Jesus als Richtschnur für unser Handeln
Wir lassen uns von Hinz und Kunz sagen, was gut für uns ist und ahnen doch, dass sie dabei eher an sich selbst als an uns denken. Ich möchte mir von Jesus (und vom Zeugnis Gottes in der ganzen Bibel) sagen lassen, was „gut“ ist, weil ich fest glaube, dass es ihm wirklich um mich geht und darum, dass mein Leben gelingt und es zu einem wertvollen Teil der Geschichte Gottes mit uns Menschen wird.

Karl Barth mit 69 Jahren. Foto: © Karl Barth-Archiv - 04 KBA_9062_013

In welchem Bezug stand Karl Barth zu Wuppertal?
Jochen Denker: Als erstes fällt mir da natürlich die Barmer Theologische Erklärung vom Mai 1934 ein, die er maßgeblich mit verfasst hat. Aber schon im Januar 1934 war Barth in Barmen-Gemarke und hat auf der ersten reformierten Bekenntnissynode gewissermaßen einen „Vorläufer“ der Barmer Thesen vorgetragen.

KiHo ist eng mit Karl Barths Namen verbunden
Die Vorbereitungen zur Gründung der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal sind auch eng mit seinem Namen verbunden. Die ersten konkreteren Überlegungen, dass die „Bekennende Kirche“ eine eigene freie Ausbildungsstätte für Theologen brauche, stammen von Ende 1934. Sie fallen ganz in die Nähe der Suspendierung Barths als Professor in Bonn, weil er den Eid auf Hitler verweigerte.

Die Idee war, eine Theologische Schule (Fakultät) der Bekennenden Kirche in Elberfeld ins Leben zu rufen, die Karl Barth leiten sollte. Aus verschiedenen Gründen wurde daraus nichts. Barth nahm 1935 den Ruf an die Universität Basel an und verließ Deutschland.

Wuppertaler Pfarrer und Professor hat über Barth seine Dissertation geschrieben
Karl Barth selber war in der Zeit seiner Professuren in Deutschland (Göttingen, Münster, Bonn) immer wieder zu Vorträgen auf Pfarrkonventen und im Rahmen von Veranstaltungen des Reformierten Bundes auch in Wuppertal zu Gast.

Jürgen Fangmeier, bis 1994 Pfarrer der Ev.-ref. Gemeinde Schöller und Professor an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal und 2013 im Alter von 81 Jahren verstorben, hat über Barth seine Dissertation geschrieben und gilt als profunder Kenner von Barths Theologie.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Nikola Dünow
Foto: Archiv