Bildung und Soziale Teilhabe

Ein Interview mit der Geschäftsführerin der Diakoniegesellschaft „Soziale Teilhabe" Mirjam Michalski über Bildung.

Mirjam Michalski, Geschäftsführerin der Diakonie Wuppertal - Soziale Teilhabe gGmbH

Heike Ernsting (H.E.): „Bildung und soziale Teilhabe – wie gehört das zusammen?"

Mirjam Michalski (M.M.): „Corona hat ganz deutlich gezeigt, wie sehr in unserer Gesellschaft Herkunft und Status über Bildungsmöglichkeit entscheiden. Soziale Missstände sind sichtbarer geworden und das soziale Gefälle wurde sogar noch verstärkt. Wir haben es unter anderem bei den Arbeitsgelegenheiten für Langzeitarbeitslose gemerkt, die im Zuge des Lockdowns vom Jobcenter ausgesetzt wurden. Viele sind dabei auf der Strecke geblieben, weil ihnen plötzlich die Tagesstruktur fehlte. Bei allen Hilfspaketen, die jetzt aufgelegt werden, müsste der Fokus viel mehr auf dem Sozialen liegen, um eine Verschlimmerung für die, die jetzt schon am Rand leben, zu verhindern."

H.E.: „Wenn Sie etwas von dem Geld der Hilfspakete ausgeben könnten, wofür würden Sie es einsetzen?"

M.M.: „Oh, das ist eine schöne Frage. Wofür würde ich das Geld einsetzen? Ich würde viel stärker in präventive Angebote investieren. Nicht nur in Beratung, sondern auch in konkrete individuelle Unterstützung, in Familienhilfe und Haushaltsunterstützung. Nach der sinnvollen Schließung von Angeboten im März ist es wichtig, unsere unterstützenden Fachangebote mit den nötigen Schutzmaßnahmen jetzt wieder aufzunehmen. Dafür würde ich das Geld einsetzen."

H.E.: „Welche Angebote für Bildung gibt es bei der Diakonie?"

M.M.: „Es gibt in den verschiedenen Gesellschaften Bildungsangebote. In der Gesellschaft Soziale Teilhabe, für die ich zuständig bin, haben wir zunächst einmal die Ev. Familienbildungsstätte, eFaBi, mit Bildungs- und auch Qualifizierungsangeboten für familienbezogene Themen, Erwerb von Sprachen und Kompetenzen, Angebote im Bereich Gesundheit. Der Sitz der eFaBi ist in der Nesselstraße, es gibt aber auch zahlreiche Kooperationen mit Gemeinden oder Familienzentren, so dass wir im ganzen Kirchenkreis präsent sind. Die Verzahnung vor Ort zu stärken und auszubauen, ist mir ein wichtiges Anliegen. Anfang Oktober wird mit Frau Ulbricht eine neue Mitarbeiterin, mit längjähriger Erfahrung in der Bildungsarbeit die Abteilungsleitung übernehmen. Die Diakonische Altenarbeit bietet mit der Diakonieakademie Möglichkeiten der Ausbildung in Pflegeberufen, Angehörigenberatung und Qualifizierungen zum Thema Demenz. Der Hospizdienst Pusteblume schult in einem „Letzte Hilfe-Kurs“ Ehrenamtliche, die sich in der Sterbebegleitung engagieren. Im weiteren Sinne gehören auch unsere Beratungsangebote zum Bereich Bildung: Schuldnerberatung, Suchtberatung, allgemeine Sozialberatung, Pflege- und Demenzberatung und Erziehungsberatung. Auch bei den Migrationsdiensten ist der Bereich Bildung und Beratung sehr gewachsen."

H.E.: „Was ist Ihnen unter dem Stichwort Bildung wichtig?"

M.M.: „Mir ist beim Thema Bildung der soziale Aspekt wichtig. Wir brauchen eine Orientierung über die Werte, die wir als Gesellschaft leben wollen: soziale Kompetenz, Verantwortung für sich und andere, Empathie, Sozialverhalten, Respekt und Akzeptanz, Nachhaltigkeit, Empathie – auch Verzicht üben gehört für mich dazu."

H.E.: „Gibt es ein Bildungsziel oder ein Bildungsverständnis, das in der Diakonie grundlegend ist?"

M.M.: „Meines Erachtens nach sind es allgemein humanistische Werte. Nach unserem christlichen Verständnis geht es darum, dass wir Menschen als Ebenbilder Gottes geschaffen sind und Jesus uns ein Vorbild gegeben hat, wie Menschlichkeit sich verwirklichen soll. Was macht einen Menschen zum Menschen? Bevor wir über Fachkompetenzen und Fachkräfte sprechen, steht für mich das Thema Menschwerdung voran. Wir müssen wieder lernen „mehr Mensch“ zu sein. Jesus hat es uns gezeigt, in seiner Hinwendung zum Menschen, unabhängig von Status und Stand. Mit unseren Bildungs- und Beratungsangeboten möchten wir Menschen auf Augenhöge begegnen, sie so annehmen wie sie sind, ihre individuellen Ressourcen und Kompetenzen wecken und stärken. Dieser Ansatz erfordert, dass wir auch über den Zusammenhang von Bildung und Macht und das daraus mögliche entstehende Gefälle nachdenken und auch über unser Menschenbild, welches wir zugrunde legen."

H.E.: „Damit sind Sie mit Ihren Angeboten ganz nah bei den individuellen Fragen und Themen der Menschen."

M.M.: „Ja, und ich denke, wir müssen unsere bestehenden Angebote einmal kritisch unter die Lupe nehmen und fragen: Erreichen wir mit unseren Angeboten noch die Bedarfe der Menschen? Müssen wir vielleicht andere Formate finden? Niedrigschwelliger werden und mehr in die Quartiere gehen? Dazu möchten wir auch die Gemeinden nach ihren Bedarfen und Interessen befragen und haben in einer Arbeitsgruppe Evangelische Bildung der Diakonie einen Fragebogen entwickelt."

H.E.: „Ja, leider konnten wir durch Corona die Befragung noch nicht starten, dazu haben wir bald hoffentlich wieder Gelegenheit."

M.M.: „Wir erleben Pluralisierung und interkulturelle Diversität in unserer Gesellschaft, aber es betrifft uns auch als Kirche. Wie können wir auf diese Situation mit unseren Bildungsangeboten reagieren? Wie können wir Angebote schaffen, um Menschen mit ihren Fragen und Themen auf Augenhöhe zu begegnen? Wir können wir auf unterschiedliche Bildungsstände eingehen? Das sind die Herausforderungen der Sozialen Teilhabe in Diakonie und Kirche."

H.E.: „Vielen Dank für das Interview!"

 

Das Interview führte Pfarrerin Dr. Heike Ernsting von der Evangelischen Kirchengemeinde Langerfeld.